Befristete Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst nach dem TVöD
Befristete Arbeitsverträge sind im öffentlichen Dienst weit verbreitet. § 30 TVöD regelt, wann eine Befristung zulässig ist, welche Kündigungsfristen gelten und unter welchen Voraussetzungen eine Entfristung möglich sein kann.
Dabei unterscheidet der TVöD insbesondere zwischen Befristungen mit sachlichem Grund und sachgrundlosen Befristungen.
Der § 30 TVöD ergänzt die Bestimmungen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG) und schafft spezielle Regelungen für Beschäftigte im Tarifgebiet West. Die Gewerkschaften kritisieren den hohen Befristungsanteil sowie einen Anstieg sachgrundloser Befristungen im öffentlichen Dienst.
Wann ist eine Befristung im öffentlichen Dienst zulässig?
Eine Befristung im öffentlichen Dienst ist nur zulässig, wenn die Voraussetzungen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG) und des § 30 TVöD erfüllt sind.
Für Beschäftigte, deren Tätigkeit vor dem 1. Januar 2005 der Rentenversicherung der Angestellten unterlegen hätte, gelten besondere tarifliche Vorschriften. Hochschulbeschäftigte fallen dagegen unter das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG).
Befristung mit sachlichem Grund
Ein Arbeitsvertrag mit sachlichem Grund darf höchstens fünf Jahre dauern. Als Gründe gelten z. B. Vertretung, Projektarbeit oder befristete Haushaltsmittel. Befristet Beschäftigte sollen bei der Besetzung von Dauerarbeitsplätzen bevorzugt berücksichtigt werden, wenn sie geeignet sind.
Befristung ohne sachlichen Grund
Ohne sachlichen Grund soll die Befristung in der Regel mindestens zwölf Monate betragen, muss aber wenigstens sechs Monate dauern. Vor Ablauf hat der Arbeitgeber zu prüfen, ob eine Weiterbeschäftigung möglich ist.
Probezeit und Kündigung
Bei sachgrundloser Befristung beträgt die Probezeit sechs Wochen, bei Befristung mit sachlichem Grund sechs Monate. Innerhalb der Probezeit kann mit einer Frist von zwei Wochen zum Monatsende gekündigt werden. Danach gelten gestaffelte Kündigungsfristen je nach Beschäftigungsdauer:
- mehr als 6 Monate: 4 Wochen zum Monatsende
- mehr als 1 Jahr: 6 Wochen zum Monatsende
- mehr als 2 Jahre: 3 Monate zum Quartalsende
- mehr als 3 Jahre: 4 Monate zum Quartalsende
Mehrere befristete Arbeitsverträge können zusammengerechnet werden, wenn zwischen ihnen höchstens drei Monate Pause liegen.
Führung auf Probe und Zeit
Die Regelungen zu Führung auf Probe (§ 31 TVöD) und Führung auf Zeit (§ 32 TVöD) bleiben unberührt.
Ordentliche Kündigung
Wenn im befristeten Vertrag ausdrücklich eine ordentliche Kündigungsmöglichkeit vereinbart wurde (z. B. „Das Arbeitsverhältnis kann mit einer Frist von 4 Wochen gekündigt werden“), dann gelten die Kündigungsfristen und Schutzvorschriften des § 34 TVöD entsprechend. Ohne diese Vereinbarung ist die ordentliche Kündigung ausgeschlossen, § 15 Abs. 3 TzBfG — dann kommt § 34 TVöD nicht zur Anwendung.
Wann kann eine Entfristung möglich sein?
Nicht jede Befristung im öffentlichen Dienst ist automatisch wirksam. Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine Befristung unwirksam sein – mit der Folge, dass ein unbefristetes Arbeitsverhältnis entsteht.
Ob eine Entfristung möglich ist, hängt immer vom Einzelfall ab. Besonders häufig spielen dabei Fehler bei sachgrundlosen Befristungen, Kettenbefristungen oder formale Fehler im Arbeitsvertrag eine Rolle.
Häufige Gründe für eine mögliche Entfristung
- fehlender oder unwirksamer sachlicher Grund
- unzulässige sachgrundlose Befristung
- mehrfache Kettenbefristungen über viele Jahre
- Befristung wurde nicht schriftlich vereinbart
- Arbeitsvertrag wurde erst nach Arbeitsbeginn unterschrieben
- Verstoß gegen das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG)
Kettenbefristungen im öffentlichen Dienst
Im öffentlichen Dienst kommen häufig sogenannte Kettenbefristungen vor. Dabei werden mehrere befristete Arbeitsverträge nacheinander abgeschlossen.
Solche Befristungen können zwar zulässig sein, werden von den Arbeitsgerichten jedoch kritisch geprüft – insbesondere dann, wenn Beschäftigte über viele Jahre hinweg dauerhaft befristet beschäftigt werden.
Wichtig ist dabei immer die Frage, ob tatsächlich ein sachlicher Grund für die jeweilige Befristung vorlag.
Entfristungsklage
Wer eine Befristung überprüfen lassen möchte, muss in der Regel eine sogenannte Entfristungsklage beim Arbeitsgericht erheben.
Wird diese Frist versäumt, gilt die Befristung häufig als wirksam – selbst wenn rechtliche Fehler vorlagen.
Praxis-Tipp
Gerade im öffentlichen Dienst lohnt sich eine genaue Prüfung von befristeten Arbeitsverträgen. Insbesondere langjährige Kettenbefristungen, Vertretungskonstruktionen oder formale Fehler können eine Entfristung ermöglichen.
Zusammenfassung
§ 30 TVöD bietet einen klaren rechtlichen Rahmen für befristete Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Dienst. Er begrenzt die Vertragslaufzeit, sichert faire Kündigungsfristen und stärkt die Chancen auf eine Entfristung. Beschäftigte sollten prüfen, ob ihr Vertrag alle tariflichen Voraussetzungen erfüllt, um rechtliche Nachteile zu vermeiden.
Irrtum 1: „Sachgrundlose Befristungen sind im öffentlichen Dienst unzulässig.“
- falsch
- § 30 Abs. 3 TVöD lässt sachgrundlose Befristungen ausdrücklich zu
- sie müssen aber mindestens 6 Monate dauern und sollen 12 Monate nicht unterschreiten
Irrtum 2: „Ein befristeter Vertrag endet immer automatisch und kann nie gekündigt werden.“
- teilweise falsch
- eine ordentliche Kündigung ist möglich, wenn sie ausdrücklich vereinbart wurde
- dann gelten die Fristen des § 30 Abs. 5 TVöD i. V. m. § 34 TVöD
Irrtum 3: „Mehrere Befristungen zählen nicht zusammen.“
- falsch
- aneinandergereihte Arbeitsverhältnisse werden zusammengerechnet
- Unterbrechungen bis zu 3 Monaten sind unschädlich (§ 30 Abs. 5 TVöD)
Irrtum 4: „Nach fünf Jahren muss automatisch entfristet werden.“
- falsch
- die 5-Jahres-Grenze gilt nur für den einzelnen Vertrag mit sachlichem Grund
- sie begründet keinen automatischen Entfristungsanspruch
Irrtum 5: „Befristet Beschäftigte haben keine Kündigungsfristen.“
- falsch
- bei vereinbarter ordentlicher Kündigung gelten gestaffelte Fristen nach § 30 Abs. 5 TVöD
Merksatz:
Befristet heißt nicht schutzlos –
auch im TVöD gelten Mindestlaufzeiten, Probezeiten und Kündigungsfristen.
- ☐ Liegt ein sachlicher Grund vor (z. B. Vertretung, Projekt, Haushaltsmittel)?
- ☐ Falls ja: Überschreitet der einzelne Vertrag nicht die Höchstdauer von 5 Jahren?
- ☐ Falls nein: Beträgt die Vertragsdauer mindestens 6 Monate?
- ☐ Wurde vor Ablauf geprüft, ob eine Weiterbeschäftigung möglich ist?
- ☐ Ist eine ordentliche Kündigungsmöglichkeit ausdrücklich vereinbart?
- ☐ Wurden frühere befristete Verträge beim selben Arbeitgeber korrekt zusammengerechnet?
- ☐ Lag zwischen zwei Verträgen höchstens eine Unterbrechung von 3 Monaten?
- ☐ Wurde die zutreffende Probezeit angewandt (6 Wochen / 6 Monate)?
Hinweis:
Werden mehrere dieser Punkte verneint,
kann die Befristung tarif- oder gesetzeswidrig sein
und ggf. einen Entfristungsanspruch begründen.
Der Inhalt des § 30 TVöD im TVöD-Verwaltung:
(2) Kalendermäßig befristete Arbeitsverträge mit sachlichem Grund sind nur zulässig, wenn die Dauer des einzelnen Vertrages fünf Jahre nicht übersteigt; weitergehende Regelungen im Sinne von § 23 TzBfG bleiben unberührt. Beschäftigte mit einem Arbeitsvertrag nach Satz 1 sind bei der Besetzung von Dauerarbeitsplätzen bevorzugt zu berücksichtigen, wenn die sachlichen und persönlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
(3) Ein befristeter Arbeitsvertrag ohne sachlichen Grund soll in der Regel zwölf Monate nicht unterschreiten; die Vertragsdauer muss mindestens sechs Monate betragen. Vor Ablauf des Arbeitsvertrages hat der Arbeitgeber zu prüfen, ob eine unbefristete oder befristete Weiterbeschäftigung möglich ist.
(4) Bei befristeten Arbeitsverträgen ohne sachlichen Grund gelten die ersten sechs Wochen und bei befristeten Arbeitsverträgen mit sachlichem Grund die ersten sechs Monate als Probezeit. Innerhalb der Probezeit kann der Arbeitsvertrag mit einer Frist von zwei Wochen zum Monatsschluss gekündigt werden.
(5) Eine ordentliche Kündigung nach Ablauf der Probezeit ist nur zulässig, wenn die Vertragsdauer mindestens zwölf Monate beträgt. Nach Ablauf der Probezeit beträgt die Kündigungsfrist in einem oder mehreren aneinandergereihten Arbeitsverhältnissen bei demselben Arbeitgeber
- von insgesamt mehr als sechs Monaten vier Wochen,
- von insgesamt mehr als einem Jahr sechs Wochen
zum Schluss eines Kalendermonats,
- von insgesamt mehr als zwei Jahren drei Monate,
- von insgesamt mehr als drei Jahren vier Monate
zum Schluss eines Kalendervierteljahres.
Bei mehreren aneinandergereihten Arbeitsverhältnissen führen weitere vereinbarte Probezeiten nicht zu einer Verkürzung der Kündigungsfrist.
(Fassung: Änderungsvereinbarung Nr. 13 vom 18. April 2018)
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